Sir 1

Einführung in das Buch Jesus Sirach (= Ecclesiasticus)





Gottesfurcht als wahre Weisheit



Im Gegensatz zum Buch der Sprüche hat dieses ihm nach Anlage und Ausrichtung in vielem ähnliche Werk einen einzigen namentlich bekannten Verfasser. Es ist Jesus, der Sohn (Nachkomme) des Sirach. Er hat dieses Buch in den Jahren zwischen 190 und 180 v.Chr. wahrscheinlich in Jerusalem verfaßt. Wir wissen dies von seinem Enkel, der etwa 60 Jahre später in Ägypten das Werk seines Großvaters aus dem Hebräischen in die griechische Sprache übertragen und seiner Übersetzung ein Vorwort vorangestellt hat, in dem sich dahin lautende Angaben finden. (Der hebräische Urtext des Buches war jahrhundertelang verschollen. Erst in neuerer Zeit ist er zum größeren Teil wieder aufgefunden worden.)



Auch wenn wir es nicht aus dem Vorwort des Enkels wüßten, es ließe sich aus dem Buche selbst erschließen, daß sein Verfasser nicht nur ein im heiligen Schrifttum Israels wohlbewanderter und dazu welterfahrener Mann war, sondern daß er sich selbst auch als Weisheitslehrer verstand, wenn gleich als bescheidener Nachfahre seiner älteren Vorgänger.



Ähnlich wie im Buch der Sprüche sucht deshalb auch Jesus Sirach Einsichten der Vernunft und Tatsachen der Erfahrung in dichterisch geformte Sätze umzuprägen. Ähnlich wie dort sind es auch bestimmte Lebensbereiche, bei denen er mit Vorliebe verweilt: Reichtum und Armut, Umgang und Freundschaft, Erziehung und Anstand, Arbeit und Wohltun, Reden und Schweigen, Frau und Ehe, Krankheit und Tod, Gottes Vorsehung und Vergeltung. Im Unterschied zum Sammlungskern des Sprüchebuches sind es jedoch nicht mehr kurze zweigliedrige Sentenzen, in die er seine Aussagen faßt, sondern längere Versfolgen, manchmal schon ausgesprochene Sinngedichte, die stellenweise zu größeren Einheiten zusammengefügt sind, wenn sie auch untereinander in bunter Reihenfolge wechseln.



Eines jedoch tritt noch deutlicher als im Buch der Sprüche hervor: Wenn auch Jesus Sirach der Vernunft und Erfahrung große Bedeutung zumißt und Nutzen und Schaden, Erfolg und Mißerfolg gern als Begründung seiner Lehren und Mahnungen heranzieht, so stellt er doch über alles die Einsicht (und wird nicht müde, sie auch als Forderung auszusprechen), daß die wahre Weisheit im Denken und Handeln sich zeigen muß als Gottesfurcht. Erst in der Bindung an Gottes Willen ist das Streben nach Weisheit möglich. Daraus zieht der die Folgerung, daß der wahrhaft Weise der Fromme ist, der das Gesetz, das Gott seinem Volke durch Mose gegeben, zur unverbrüchlichen Richtschnur für ein glückliches Leben nimmt.



Wie im Buch der Sprüche ist auch bei Jesus Sirach das doppelte Bild der Weisheit zu erkennen. Einmal erscheint sie als Haltung des Menschen, um die er sich bemühen muß und die er in seinem Denken, Reden und Tun zeigen soll. Andererseits aber ist die Weisheit "bei Gott". Sie erhält unverkennbar persönliche Züge, wenn von ihr gesagt wird, daß sie, die aus Gottes Mund hervorgegangen ist und tätigen Anteil an der Schöpfung genommen hat, nunmehr in Jerusalem wohnt, dort weiterwächst und reichliche Frucht trägt.



In besonders schön gefügten, den Psalmen nachempfundenen Versen preist Jesus Sirach Gottes Walten und Herrlichkeit in Welt und Geschichte und beschließt mit einem Loblied auf die großen Männer in Israels Vorzeit sein Werk.



In der lateinischen Bibel trägt das Buch den Namen "Ecclesiasticus" ("Kirchenbuch"). An dieser Benennung läßt sich noch erkennen, wie sehr die alte Kirche dieses Buch geschätzt hat. Zumal für die sittliche Unterweisung der Taufschüler wurde es wie eine Art Leitfaden benutzt. Bis heute aber gehört es zu den Büchern, die in den alttestamentlichen Lesungen der Liturgie am häufigsten zu Wort kommen.



Vorwort des griechischen Übersetzers

Durch das Gesetz, die Propheten und die folgenden Schriftsteller ist uns viel Herrliches geschenkt worden. Das sichert Israel den Ruhm der Weisheitslehre. Doch sollen die Leser diese nicht nur selber verstehen, sondern auch imstande sein, sich als Lehrer den Außenstehenden durch Wort und Schrift nützlich zu machen. Das wollte auch mein Großvater Jesus, der sich eingehend mit der Lesung des Gesetzes, der Propheten und der anderen vaterländischen Bücher beschäftigt und sich darin eine ausgiebige Fertigkeit erworben hatte. Er fühlte sich angetrieben, auch selbst eine Schrift über Weisheitslehre zu verfassen. So sollten die Lernbegierigen auch damit bekannt werden und umsomehr Fortschritte machen in der gesetzlichen Lebensweise. [Zu diesem Zweck, will der Übersetzer sagen, habe ich das Buch meines Großvaters ins Griechische übersetzt.]

Ihr seid nun gebeten, mit Wohlwollen und Aufmerksamkeit die Lesung vorzunehmen und Nachsicht zu üben, wo wir vielleicht einige Ausdrücke nicht zutreffend wiedergegeben haben, obgleich wir uns mit der Übersetzung alle Mühe gaben. Denn es hat ein Ausdruck nicht die gleiche Kraft, wenn er in der hebräischen Grundsprache gelesen und wenn er in eine andere Sprache übersetzt wird. Aber nicht nur dieses Buch, sondern auch das Gesetz, die Propheten und die übrigen Bücher weisen eine nicht geringe Verschiedenheit auf, wenn man sie in der Grundsprache liest.

Als ich im achtunddreißigsten Jahr des Königs Euergetes [= Ptolemäus VII. Euergetes] nach Ägypten kam und mich daselbst aufhielt, fand ich einen nicht geringen Unterschied in der Lehre vor. ]Die Juden, die in Ägypten lebten und griechisch sprachen, verstanden nicht mehr die hebräische Sprache und standen den palästinensischen Juden in der Kenntnis des Gesetzes und der Propheten nach.]

Daher erachtete ich es für nötig, mich mit Eifer und Fleiß der Übersetzung dieses Buches zu widmen. Und so verwandte ich während dieser Zeit viel Mühe und Sorgfalt darauf, um das Buch zu vollenden und es auch für jene herauszugeben, die in der Fremde schriftbeflissen sein und ihr Leben nach dem Gesetz einrichten wollen.

Das Buch Jesus Sirach

Gottesfurcht als wahre Weisheit

Der Ursprung der Weisheit in Gott

1 Alle Weisheit stammt vom Herrn und ist bei ihm in Ewigkeit.12
2 Wer kann den Sand am Meer, die Regentropfen und der Vorzeit Tage zählen?34
3 Wer kann des Himmels Höhe, der Erde Breite, des Abgrunds Tiefe und die Weisheit ergründen?
4 Vor allem anderen wurde die Weisheit erschaffen, seit ewigen Zeiten verständige Einsicht.5
5 Der Weisheit Quelle ist das Wort Gottes in der Höhe, und ihre Wege sind die ewigen Gebote.6
6 Wem ist der Weisheit Wurzel enthüllt? Wer erkennt ihre Ratschlüsse?7
7 Wem ward die Lehre der Weisheit enthüllt, und wer erforscht ihre vielfältigen Pfade?8
8 Einer nur ist weise und überaus herrlich: der Herr, der auf seinem Thron sitzt.9
9 Er hat sie erschaffen und geschaut und gezählt. Er hat sie ausgegossen über alle seine Werke,1011
10 unterschiedlich verlieh er sie den Menschen - er schenkt sie denen, die ihn lieben.12

Das Wesen der Weisheit ist Gottesfurcht

11 Die Furcht des Herrn ist Ehre und Ruhm und Freude und höchste Wonne.13
12 Die Furcht des Herrn erfreut das Herz und gibt Frohsinn, Fröhlichkeit und langes Leben.14
13 Wer den Herrn fürchtet, dem geht es am Ende gut. Am Tag seines Todes wird er gepriesen.15
14 Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn. Sie ist den Getreuen angeboren.1617
15 Sie schuf sich bei den Menschen einen ewigen Wohnsitz und bleibt beständig bei deren Nachkommen.
16 Der Weisheit Fülle ist die Furcht des Herrn. Sie macht die Menschen trunken von ihren Früchten.18
17 Ihr ganzes Haus füllt sie mit ihren Schätzen an und die Speicher mit ihren Früchten.19
18 Der Weisheit Krone ist die Furcht des Herrn. Sie läßt Wohlfahrt sprossen und kräftige Gesundheit.
19 Sie strömt Wissen aus und kluge Einsicht und bringt hohen Ruhm denen, die an ihr festhalten.20
20 Die Wurzel der Weisheit ist die Furcht des Herrn und ihre Zweige langes Leben.21
21 Die Furcht des Herrn hält die Sünde fern. Wer keine Furcht Gottes hat, kann darum nicht gerettet werden. Denn sein trotziger Sinn ist sein Verderben.22

Hindernisse der Weisheit

22 Ungerechter Zorn kann nicht für recht gehalten werden. Des Zornes Wallung führt zum Fall.23
23 Der Geduldige hält aus bis zur rechten Zeit; nachher erwächst ihm Freude daraus.
24 Er hält sein Wort zurück bis zur rechten Zeit. Dann künden vieler Lippen seine Klugheit.
25 In den Schatzkammern der Weisheit gibt es weise Sprüche. Dem Sünder ist die Gottesfurcht ein Greuel.

Der Weg zur Weisheit ist Gottes Gesetz

26 Wenn du nach Weisheit verlangst, halte die Gebote, und der Herr wird sie dir schenken.24
27 Denn die Weisheitslehre besteht in der Furcht des Herrn. An Treue und Sanftmut findet er sein Wohlgefallen.25
28 Sei nicht ungehorsam gegen die Furcht des Herrn und nah ihr nicht mit geteiltem Herzen.
29 Sei kein Heuchler vor den Menschen und habe auf deine Lippen acht.26
30 Überhebe dich nicht, auf daß du nicht zu Fall kommst und Schande auf dich häufst und der Herr dein verborgenes Innere aufdeckt und dich stürzt vor allem Volk, weil du der Furcht des Herrn dich genaht, obwohl dein Herz voll Trug war.27
1 Der der griechischen Übersetzung vorausgehende Prolog befindet sich aus technische Gründen am Ende dieses Kapitels.
2 ℘ Spr 2, 6;Weish 7, 25;Weish 8, 21;Weish 9, 4
3 Die beiden Fragen mit ihren je dreifach gefächerten Bilderfolgen wollen veranschaulichen, wie erhaben und für menschliches Vermögen unerreichbar die Weisheit ist (vgl. auch Bar 3, 29 - 31;Ijob 28, 13 - 20).
4 ℘ Spr 30, 4
5 ℘ +Spr 8, 22++;Sir 24, 8f;Bar 3, 20 - 22
6 Dieser in der Vulgata enthaltene Vers fehlt im Griechischen.
7 ℘ Ijob 28, 12 - 23
8 Dieser in der Vulgata enthaltene Vers fehlt im Griechischen.
9 ℘ Weish 11, 20
10 Antwort auf die Frage in V.2f.
11 ℘ Ijob 28, 27;Joel 3, 1f
12 ℘ Koh 2, 26§Apg 2, 17f. 33
13 ℘ Sir 9, 16
14 ℘ Spr 4, 10;Sir 1, 20;Sir 11, 27
15 ℘ Sir 3, 7;Sir 6, 17;Sir 21, 6;Sir 26, 3;Sir 32, 14;Sir 33, 1;Sir 34, 14 - 16;Koh 12, 13
16 Unter der >Furcht des Herrn< ist hier nicht mehr das Erschrecken vor Gottes gewaltiger Hoheit verstanden (wie etwa Ex 20, 18 - 20), sondern die Ehrfurcht vor seinem Willen, die sich in der Beobachtung seiner Gebote äußert - Zum hebräischen Wort >Anfang< ist zu beachten, daß in ihm auch der Gedanke an die Erstlingsfrüchte anklingt, die als die kostbarsten Früchte der Ernte galten. Die Übersetzung: >Der Weisheit Erstling ist die Furcht des Herrn< wäre also auch möglich.
17 ℘ +Spr 1, 7++;Ps 111, 10;Dtn 4, 6
18 ℘ Spr 8, 18f
19 ℘ Weish 7, 11
20 ℘ Spr 4, 8;Ijob 23, 27
21 ℘ Sir 1, 12;Spr 3, 2
22 Dieser in der Vulgata enthaltene Vers fehlt im Griechischen.
23 ℘ Spr 29, 22
24 ℘ Sir 19, 20;Koh 12, 13
25 ℘ Spr 15, 33
26 ℘ Sir 2, 12;Sir 5, 9;Jak 1, 6 - 8
27 ℘ 1Kön 1, 5;Est 13, 2. 12. 14;Est 16, 4;2Makk 7, 34;Ps 66, 7;Spr 16, 18;Spr 18, 12;Sir 10, 9. 21;Sir 11, 4;Sir 32, 1